MINTasie©

Nichts ist so phantastisch wie die Realität.

Sommer 2018: Annette und ich waren bei einem MINT-Meeting im Büro des Österreichischen Bibliothekswerks. Nun sitzen wir wieder im Zug und blättern unschlüssig in den Broschüren die wir mitgenommen haben – herausgegeben vom Haus der kleinen Forscher, Stiftung Lesen, Deutscher Handelskammer, Stiftung Telekom und etlichen mehr.

Die Grundidee, MINT-Kompetenzen in Mathematik, Naturwissenschaft, Information/Informatik und Technik mit LITERACY-Kompetenzen wie Sprechen, Lesen, Schreiben, und Medienzugang zu verknüpfen, ist zweifellos gut und sinnvoll. Uns ist auch klar, dass MINT-Angebote mehr interessierte Jungs und Väter in Bibliotheken und Buchhandlungen bringen könnten.

Aber als erfahrene Fortbildungs-Leiterinnen ahnen wir auch, dass etliche unserer verdienten, ehrenamtlichen BibliothekarInnen vor dieser neuen Herausforderung zurückschrecken werden.

Zu recht – denn wir altgedienten Kindergartenpädagoginnen zweifeln ja selber noch an der Durchführbarkeit dieser Programme. Die gesamte MINT-Materie scheint uns recht kühl, glatt und technisch, kopfgesteuert und wissensorientiert; die meisten dargestellten Experimente sind ziemlich aufwendig.

WIE soll man eine MINT-Einheit mit einem bunten Haufen quietschlebendiger Kinder unterschiedlichen Alters durchführen? WO sollen kleine Bibliotheken den nötigen Platz dafür hernehmen? WER soll vorbereiten, anbieten und aufräumen; wer zahlt das Material?

So viele Hürden…

„Und wo bleiben die FANTASIE und die schönen Geschichten?“, fragt Annette. „Wo bleibt der Spaß am Spielen und Entdecken, der Kinder zum Weiterlesen verlocken soll?“

„Man müsste MINT und Geschichten irgendwie zusammenkriegen…“ überlege ich.

„Genau“, meint Annette. „Statt MINT- und Literacy-Kompetenz brauchen wir: MINTasie!“

ZACK! BOING! JUBEL! Dieses Wort ist der Funke, der das bunte Ideenfeuerwerk in unseren Köpfen wieder entzünden kann.

Zack! Boing! Jubel!

Noch auf der Fahrt entstehen die ersten Ideen für MINTasie-Fortbildungen und nieder-schwellige MINTasie-Lesungen für schlaue Kinder von 4-10 Jahren, die auch  in kleinen Bibliotheken funktionieren müssten.

Wir sehen bereits MINTasie-Tische vor uns – mit fantasievollen Bilderbüchern, informativen Sachbüchern, motivierenden Geschichten zum Vor- und Selber-Lesen, mit DVDs und interessanten Internet-Links für noch mehr Information.

Zuhause angekommen rufen wir Reinhard Ehgartner an und beichten ihm, dass wir uns für Österreich eine eigenständige MINT-Initiative wünschen würden, die weniger stark auf Wissen und Technik, sondern mehr auf spielerisch-kreativer Freude und fantasievollen Geschichten basiert: MINTasie eben. Vielleicht könnte das sogar eine eigene Marke für die heimischen Bibliotheken werden, bevor eine gewerbliche Agentur den sinn-vollen Begriff schützen lässt?

Reinhard verspricht, sich schlau zu machen – und Annette und ich kümmern uns gleich um die ersten MINTasie-Lesungen und -Fortbildungen für Bibliothekar- und PädagogInnen.

MINTastische Bilderbücher

Das Bilderbuch „Der Kartoffelkönig“ (Jacoby & Stuart) lädt nicht nur zum braven Kartoffel-Druck sondern auch zu einfachen Versuchen ein. Was passiert, wenn man Kartoffelmehl mit kaltem, lauwarmem oder heißem Wasser vermengt? Der „Coole Geisterschleim“ ist ein Hit – jeder darf eine Handvoll mit heimnehmen. SchülerInnen raten im Kartoffelquiz, ob „Die rote Zora“ ein Buchtitel oder eine Kartoffelsorte ist; andere bringen Kartoffeln durch „Zauberwasser“ zum Sinken oder Schwimmen. Was ist da wohl drin?

„Vielleicht“ (Mixtvision) ist weit mehr als eine Einführung in die mathematisch-geometrische Formenwelt – das Bilderbuch entpuppt sich als wundersame Schöpfungsgeschichte. Danach legen die Kinder Menschen, Tiere und Dinge aus Kreis, Dreieck und Quadrat und diskutieren über Fragen wie: Was wäre, wenn alles auf der Welt aus kleinsten Einzelteilen bestünde? Es gibt doch Zellen und Atome! Aber was hält all diese Teile zusammen? „Die Liebe“, meinte eine Siebenjährige und rührte damit den Regisseur Markus Plattner so sehr, dass er „Vielleicht“ in ein Adhoc-Theaterstück für Kinder umwandelte.

„Otto findet was“ (NordSüd) führt zum gemeinschaftlichen Bau einer Eier-Flugmaschine aus Bratfolie, Plastik-Becher, Schnur und Osterei. Heiße Föhn-Luft trägt den Ballon durch den Raum, und die Landung ist so sanft, dass das Ei nicht zerbricht.

Torben Kuhlmanns „Lindbergh“ (NordSüd) führt zu einer langen Versuchsreihe mit Papier-Flugzeugen im Pfarrsaal, von der besonders die Väter nicht genug bekommen können, während ihre Kinder sich schon mit Kuhlmanns „Armstrong“ in den Weltraum träumen.

Der spaßige „Streik der Farben“ (NordSüd) mündet bei den SchülerInnen in eine kunterbunte Beschwerdebrief-Schreibwerkstatt; die Kleinen hingegen entdecken, dass sich schwarzer Marker in mehrere Farb-Bestandteile trennen lässt. Und warum werden mit Tinte getränkte Zuckerwürfel in einem Teller voll Wasser zu feenbunten Sternen?


Annette Wachinger und Brigitte Weninger

MINTasie stellt weniger die mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Informationen in den Mittelpunkt, sondern fordert Kinder auch zum Kreativ-Sein, zum Sinnen, Fabulieren und Träumen auf.

Es geht uns weniger darum, unter Labor-Bedingungen etwas mit Kindern zu TUN, was dann zu einem bestimmten Ergebnis oder Lernschritt führt, sondern Material vorzubereiten und sie einfach mal zu LASSEN. Das führt oft zu verblüffenden Lösungs- und Deutungsmöglichkeiten, die man so niemals erwartet hätte.

Erwachsene neigen sehr dazu, die Dinge „richtig“ zu machen und Hinweise und Beispiele geben zu wollen – und nehmen damit den Kindern die zutiefst beglückenden und stärkenden „ICH HAB´S!“-Momente.

Bibliotheken schenken Zeit und Raum

Ich denke, dass es schon immer die besondere Qualität von Bibliotheken war, Menschen die nötige Zeit und den Raum zu geben, um wichtige Fragen stellen und individuelle Antworten aus den Erkenntnissen anderer Sucher und Denker zusammenstellen zu können.  Das sollte auch so bleiben.

Wenn wir die Kindersehnsucht nach fantasievollen Geschichten erfüllen und ihre angeborene Neugier wachkitzeln können, und zusätzlich noch Versuchsmaterial, Bücher und Medien zur Verfügung stellen – dann haben wir einen überaus wertvollen Beitrag zur Bildung geleistet.

Mit Freude, Entdeckerlust und MINTasie!